Ein Waffenstillstand nur dem Namen nach: Ein Jahr israelischer Verbrechen im Libanon
Von Wassim Atrissi / GICJ
Übersetzt von Marie Mink
Seit dem im vergangenen Jahr vereinbarten Waffenstillstand hat die UNIFIL mehr als 7.500 Luftraumverletzungen und nahezu 2.500 Bodenverstöße nördlich der sogenannten „Blue Line” registriert (die Demarkationslinie zwischen Israel und dem Libanon). Diese Zahlen, veröffentlicht auf dem offiziellen X-Account der UNIFIL, zeigen die Realität der Lage vor Ort.
Ein Jahr nach Inkrafttreten des Waffenstillstands, der die Kämpfe beenden sollte, dröhnen weiterhin israelische Kampfflugzeuge über libanesischem Gebiet und Bomben schlagen nach wie vor ein. Seit der am 27. November 2024 vereinbarten Waffenruhe zwischen dem Libanon und Israel ist der Libanon anhaltenden israelischen Angriffen ausgesetzt, die offenkundig gegen internationales Recht verstoßen, sowie auch gegen die Resolution 1701 des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen. Dieser Artikel beleuchtet die fortdauernde Natur dieser Angriffe und ihre Kosten an Menschenleben und untermalt zugleich das Versagen der Völkergemeinschaft, Rechenschaftspflichten durchzusetzen.
Waffenstillstand und Hintergründe
Der Waffenstillstand vom November 2024 sollte die Eskalation entlang der „Blue Line” zwischen Israel und der Hisbollah beenden. Hinter den Kulissen ausgehandelt und unter regionalem Druck zustande gekommen, sollte dadurch Ruhe an der Grenze geschaffen werden. Doch bereits unmittelbar nach Inkrafttreten der Demarkationslinie kam es zu ersten Verstößen durch Israel.
Nur wenige Stunden nach Beginn der Waffenruhe eröffneten israelische Kräfte Feuer auf eine Gruppe von Journalist:innen (mit klar erkennbarer Pressekennzeichnung) in der Stadt Khiam. Mehrere wurden verletzt. Am selben Tag schossen israelische Soldat:innen auf libanesische Zivilist:innen, die versuchten, in ihre Häuser in Grenzdörfern wie Kafr Kila und Mais al-Jabal zurückzukehren. Mehrere Menschen wurden getötet oder verletzt, als sie erstmals seit ihrer Vertreibung in ihre Heimatorte zurückkehren wollten. Nach Angaben libanesischer Behörden hatten sich tausende Zivilisten unmittelbar nach Bekanntgabe des Waffenstillstands auf den Heimweg gemacht und wurden mit Schüssen auf ihre Fahrzeuge und Häuser empfangen.
Gleichzeitig wurden Drohnenflüge und Luftangriffe umgehend wieder aufgenommen. Israelische Überwachungsflugzeuge drangen in den libanesischen Luftraum ein, ein klarer Bruch des Waffenstillstandsabkommens. Auch Artilleriebeschuss und Panzergranaten wurden am 27. und 28. November gemeldet, unter anderem in Khiam, al-Taybeh und weiteren Grenzorten. Diese frühen Vorfälle machten deutlich: Der Waffenstillstand bestand zwar formal, wurde jedoch von israelischer Seite von Beginn an missachtet.
Jüngste schwerwiegende Verstöße
Im Laufe des Jahres setzten sich die einseitigen Verstöße fort und nahmen an Intensität zu. Aus einer eigentlich geplanten Einstellung der Feindseligkeiten entwickelten sich anhaltende militärische Aggressionen.
Was zunächst mit routinemäßigen Überflügen, Artilleriebeschuss und gezielten Attentaten begann, weitete sich zu gezielten Angriffen auf die zivile Infrastruktur aus. In den vergangenen Wochen hat diese Eskalation einen neuen Höhepunkt erreicht.
UNIFIL berichtete, dass Israel nahe Yaroun und Maroun al-Ras neue Betonmauern errichtet habe, die sich auf libanesisches Gebiet erstrecken. Dadurch wurden mehr als 4.000 Quadratmeter landwirtschaftlicher Fläche abgeschnitten, ein klarer Verstoß gegen die libanesische Souveränität und gegen Resolution 1701.

Betonmauern errichtet von israelischen Verteidigungsstreitkräften nähe Yaroun, südlich im Libanon. Foto von Pasqual Gorriz (VN)
Am 18. November 2025 bombardierten israelische Kampfflugzeuge das palästinensische Flüchtlingslager Ein El-Hilweh. Dabei wurden 13 Zivilist:innen getötet, darunter elf Kinder und mindestens sechs weitere verletzt. Die Vereinten Nationen bestätigten, dass es sich bei allen Opfern um Zivilpersonen handelte was im Widerspruch zu israelischen Angaben steht, wonach militante Ziele getroffen worden seien.
Zuletzt trafen am Sonntag, dem 23. November, israelische Luftangriffe den dicht besiedelten Wohnbezirk Haret Hreik in den südlichen Vororten Beiruts. Nach Angaben des libanesischen Gesundheitsministeriums wurden fünf Menschen getötet und 28 verletzt. Der Angriff markiert eine deutliche Eskalation, da Beirut bereits seit dem Waffenstillstand mehrfach Ziel israelischer Angriffe geworden war.

Menschen gehen an einem beschädigten Auto vorbei an der Stelle, an der ein israelischer Angriff ein Wohnhaus in Dahiyeh, einem südlichen Vorort von Beirut, getroffen hat, Sonntag, 23. November 2025 [Bilal Hussein/AP Foto]
Diese Angriffe sind Teil eines umfassenderen Musters wachsender militärischer Gewalt, die sich geografisch von der südlichen Grenzregion zunehmend auf urbane Zentren ausweitet.
Nach Angaben des libanesischen Gesundheitsministeriums haben Israels Operationen seit dem Waffenstillstand mindestens 331 Menschen getötet und 945 verletzt. Zudem wurde zentrale Infrastruktur zerstört und zehntausende Menschen im Süden des Landes vertrieben.
Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung
Mehr als 64.000 Libanes:innen bleiben weiterhin vertrieben, überwiegend aus Dörfern im Süden. Viele hatten ihre Heimat bereits während früherer Eskalationen verlassen, doch ihre Vertreibung ist nun vor allem auf die fortgesetzte militärische Präsenz Israels entlang der Grenze sowie die ständigen Gefahr weiterer Angriffe zurückzuführen. Rückkehrversuche enden immer wieder in Gewalt, ein deutliches Zeichen dafür, dass unter den aktuellen Bedingungen keine sichere Heimkehr möglich ist.

Ein Auto fährt nach dem Waffenstillstand zwischen Israel und der Hisbollah durch die südlichen Vororte von Beirut, 27. November 2024 [Mohamed Azakir/Reuters]
Neben den menschlichen Verlusten hat die Zerstörung von Wohnhäusern, Schulen, Straßen und landwirtschaftlichen Flächen die Lebensgrundlagen ganzer Kommunen zerstört. Angriffe auf Zementfabriken und Baumaschinen erschweren den Wiederaufbau und verschärfen die Krise.
Rechtliche und politische Einordnung
Diese Angriffe stellen schwerwiegende Verstöße gegen humanitäres Völkerrecht dar, insbesondere gegen die Grundsätze der Unterscheidung, Verhältnismäßigkeit und militärischen Notwendigkeit gemäß den Genfer Konventionen. Auch die gezielte Zerstörung ziviler Infrastruktur sowie wiederholte Verletzungen staatlicher Souveränität verstoßen gegen Resolution 1701.
Trotz umfassender Dokumentation, auch durch UNIFIL, setzt Israel seine Operationen ungehindert fort, politisch und materiell abgesichert durch westliche Verbündete.
Versagen internationaler Rechenschaft
Die Vereinten Nationen äußern zwar regelmäßig Besorgnis, haben jedoch bislang keine entschlossenen Maßnahmen ergriffen. UNIFIL verfügt über kein Durchsetzungsmandat, und der Sicherheitsrat bleibt blockiert und unfähig wirksame Konsequenzen zu beschließen oder die Einhaltung von Vereinbarungen durchzusetzen.
Erklärungen von UN-Sprechern und dem Hochkommissariat für Menschenrechte mahnen zur Zurückhaltung und zur Einhaltung internationalen Rechts. Bislang hat jedoch kein internationaler Mechanismus Israel für die wiederholten Verstöße im Libanon, im Gazastreifen und darüber hinaus zur Verantwortung gezogen.
Schlussfolgerung und die Position von GICJ
Das Geneva International Centre for Justice (GICJ) verurteilt die systematischen Verstöße Israels gegen die Souveränität des Libanon und das humanitäre Völkerrecht aufs Schärfste. Der Jahrestag des Waffenstillstands macht deutlich, wie dringend internationales Handeln ist.
GICJ fordert:
- unabhängige Untersuchungen zu den Angriffen und Verstößen gegen Resolution 1701;
- sanktionen gegen Israel wegen Verletzungen der libanesischen Souveränität und internationalen Rechts;
- internationale Unterstützung für Vertriebene und den Wiederaufbau;
- eine erneuerte Bekenntnis zur Einhaltung des humanitären Völkerrechts und zum Schutz der Zivilbevölkerung.
Ein Waffenstillstand darf nicht nur auf Papier bestehen. Für den Libanon muss Gerechtigkeit an die Stelle von Schweigen treten und ein Ende der Aggressionen darf kein bloßes Versprechen der Völkergemeinschaft bleiben.
Link to original text: https://www.gicj.org/positions-opinons/gicj-positions-and-opinions/4314-ceasefire-or-new-phase-of-aggression